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St. Galler Festspiele 2020: Stiffelio & Gegen den Strom

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Il Trovatore, 2019: Hulkar Sabirova, Timothy Richards / Bild: Tanja Dorendorf
Il Trovatore, 2019: Hulkar Sabirova, Timothy Richards / Bild: Tanja Dorendorf
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Alljährlich im Juni wird der Klosterhof des St. Galler Stiftbezirks mit seiner prachtvollen barocken Kathedrale zur Kulisse für ein Operndrama. Auf dem diesjährigen Programm steht die Oper „Stiffelio” von Giuseppe Verdi. In der Kathedrale lässt sich der bulgarische Choreograf Dimo Kirilov Milev für sein Tanzstück „Gegen den Strom“ von der Architektur und Spiritualität des barocken Prachtraumes inspirieren. Ein vielfältiges Konzertprogramm in verschiedenen Räumen des Stiftsbezirks rundet das Angebot der 15. St.Galler Festspiele ab. Am Festkonzert vom 2. Juli erklingen religiöse Szenen, Arien und Chöre aus der Welt der Oper.

Oper 2020
Für eine italienische Oper des 19. Jahrhunderts besticht Verdis „Stiffelio” durch einen äusserst untypischen Plot: Ein protestantischer Pastor steht im Konflikt zwischen persönlicher Eifersucht und geistlicher Pflicht. Seine Frau hat ihn betrogen, er wird fast zum Mörder und schlägt seiner Frau schliesslich die Scheidung vor. Die Oper endet im vermeintlichen Lieto fine mit christlicher Begnadigung. Das Werk wurde zunächst Opfer der Zensurbehörde, dann der Theater, die sich nicht wagten, das Stück in seiner ursprünglichen Fassung aufzuführen. Verdi selbst arbeitete Stiffelio schliesslich in eine andere Oper mit dem Titel Aroldo um.
Nicola Raab, die in St.Gallen bereits ihre Interpretationen von Janáčeks Das schlaue Füchslein und Zwickers Der Tod und das Mädchen vorgestellt hat, wird Verdis ursprüngliche Version des skandalösen Stoffes auf dem Klosterhof zum Leben erwecken.

Konzertprogramm 2020
Domorganist Willibald Guggenmos spielt auf der grossen Orgel in der Kathedrale St.Gallen ein Rezitalprogramm mit Werken aus der deutschen Tradition. Mannigfaltige Spielarten der Liebe stehen im Zentrum des Programms Omnia vincit amor – Liebe besiegt alles –, dessen Titel auf Vergil zurückgeht und als Wahlspruch vieler Minnesänger diente. La Venexiana, eines der weltweit führenden Spezialensembles für Musik aus Renaissance und Barock, stellt unter diesem Motto ein Pasticcio vor aus Madrigalen, Canzonetten und Scherzi musicali des italiensichen «Vaters aller Komponisten» Claudio Monteverdi.
Johann Sebastian Bachs Vermächtnis – neu gehört: Die Kunst der Fuge, das überzeitliche kontrapunktische Meisterwerk Bachs erklingt in der geschichtsträchtigen St.Galler Stiftsbibliothek für einmal nicht auf einem Tasteninstrument, für das es ursprünglich geschrieben wurde, sondern in reizvollen neuen Klangmischungen des französischen Ensembles Les Inattendus, bestehend aus den Instrumenten Violine, Viola da gamba und Akkordeon.
Die hebräische Bibel enthält ein äusserst mysteriöses Buch, das als Hohelied Salomos bekannt ist. Es liest sich wie eine Sammlung von Gedichten über die menschliche Liebe, reich an erotischen und suggestiven Bildern. Seit Jahrhunderten stellt es eine Inspirationsquelle für orientalische und westliche Künstler gleichermassen dar, und so reflektieren darüber in diesem aussergewöhnlichen Programm die tunesische Sängerin Ghalia Benali, das Ensemble Zefiro Torna und das Vocalconsort Berlin jeweils aus der abendländischen und islamischen Perspektive. Dabei erklingen Werke von Hildegard von Bingen, Machaut, Monteverdi, Bach und vielen weiteren im Wechsel mit traditionellen arabischen Liedern und Texten von Dichtern und Mystikern des Sufismus.
Einer der charismatischsten Stimmkünstler unserer Zeit in der intimen Atmosphäre der Schutzengelkapelle zu später (Konzert)Stunde: Der italienische Tenor Marco Beasley erzählt in Il racconto di mezzanotte mystische Geschichten der Nacht über Liebe, Leben und Tod – mit Sololiedern, Gesängen und Rezitationen.

Tanz: Gegen den Strom
Der 2017 verstorbene polnische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat den Begriff der „flüchtigen Moderne”› geprägt, mit dem sich Dimo Kirilov Milevs neues Tanzstück beschäftigt: In unserem Zeitalter tritt die Moderne von ihrer festen in die flüssige Phase über. Immer mehr werden traditionelle Muster verdrängt durch Flexibilität und Kurzfristigkeit, und allmählich stellt sich heraus, dass der Wechsel kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern zum Dauerzustand geworden ist. Die Annahme, dass nichts beständig ist, führt wiederum zu immer kürzerfristigen Entscheidungen. Im besonderen Raum der Stiftskirche, die durch jahrhundertealte Glaubenstraditionen geprägt ist, wird sich der bulgarische Choreograf mit der condicio humana und den menschlichen Beziehungen der Gegenwart tänzerisch auseinandersetzen.


26. Juni bis 10. Juli 2020

www.stgaller-festspiele.ch

Episode 19