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Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum: Defregger. Mythos – Missbrauch – Moderne

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Franz von Defregger, Ruhender weiblicher Halbakt, um 1890, Öl auf Leinwand, 48 x 52,5 cm, Privatbesitz © Tiroler Landesmuseen
Franz von Defregger, Ruhender weiblicher Halbakt, um 1890, Öl auf Leinwand, 48 x 52,5 cm, Privatbesitz © Tiroler Landesmuseen
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Er war einst ein Superstar der deutschsprachigen Kunstszene. Ein Münchner »Malerfürst«, der mit seinen akademisch »feingemalten« Szenen aus dem Tiroler Freiheitskampf, seinen intensiven Porträts von kantigen Burschen und stolzen Bauersfrauen als fortschrittlich wahrgenommen wurde. In den Jahren nach 1900 jedoch galt das Werk von Franz von Defregger ((1835–1921) zunehmend als bieder-reaktionär: Konservative verehrten ihn, die Avantgarde lehnte ihn ab, Hitler sammelte seine Werke. Bis heute polarisiert das Schaffen des in Osttirol geborenen Künstlers.

Die spektakuläre Sonderausstellung »Defregger. Mythos – Missbrauch – Moderne« im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum bewertet nun anlässlich seines 100. Todestages sein Schaffen neu: zwischen Moderne und Tradition, Identität und Image, Mythos und Missbrauch. Erstmals seit Jahrzehnten führt die ungemein umfangreiche Schau viele der bekannten Hauptwerke aus Europa und den USA zusammen. Letzteres ist besonders spannend, zeigt es doch, dass Defreggers Gemälde einst global gehandelt wurden (unter den Sammlern befanden sich der Medien-Tycoon William Randolph Hearst und der New Yorker Eisenbahn-Magnat William Henry Vanderbilt). Zudem präsentiert die Ausstellung eine große Zahl von Arbeiten des »unbekannten Defreggers«, die sich größtenteils noch immer in Familienbesitz befinden – sie setzen diese Neubewertung seiner Kunst fort. Defreggers unbekannte Seite offenbart sich unter anderem in Motiven, die man eigentlich nicht mit ihm verbinden würde: Aktdarstellungen etwa, die in ihrer Freizügigkeit und Erotik verblüffen, oder auch Bildnisse von Menschen aus anderen Kulturen, die mit großer Detailgenauigkeit und hoher Sensibilität gemalt sind. Außerdem zeigen die Arbeiten, welch brillanter Kolorist und technisch versierter Maler Defregger war. Entscheidend dafür war ein Paris-Aufenthalt in den Jahren 1863 bis 1865, der einen lebenslangen Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen hatte. Anders als seine in akademischer Malweise ausgeführten »Kassenschlager« überrascht Defreggers privates Werk durch einen freien, offenen Pinselstrich, der eine intensive Rezeption der »Schule von Barbizon« voraussetzt. Werke von herausragenden Vertretern dieser einflussreichen Kunstströmung wie Gustave Courbet oder Jean-François Millet werden daher in Innsbruck den »unbekannten Defreggers« gegenübergestellt, ebenso wie Arbeiten von akademiekritischen Malern wie Wilhelm Leibl und Mathias Schmid sowie von einigen der bedeutendsten Künstler der Moderne wie Vincent van Gogh, dem Defregger-Schüler Lovis Corinth, Ernst Ludwig Kirchner oder Heinrich Campendonk.
Die Innsbrucker Sonderausstellung verdeutlicht auf brillante Weise, wie innovativ viele von Defreggers Werken sind. Erstmals werden sie etwa mit Fragen zu Identität und Geschlechterrollen konfrontiert. Ebenso thematisiert wird die politische Aufladung seiner Historiengemälde sowie deren posthume missbräuchliche Rezeption im Nationalsozialismus und das Weiterleben von Defreggers Motiven im Heimatfilm der Nachkriegszeit. Auch der boomende Tourismus wird zum Thema. All dies unterstreicht die Einbindung seiner Werke in Phänomene der Moderne. 
Bis 11. April 2021

www.tiroler-landesmuseen.at

Episode 62