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Schatzhaus Kärntens – Benediktinerstift St. Paul: Lichtgestalt und Schattenwelt

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Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal, Luftaufnahme mit Barockgarten, Foto: Edwin Stranner
Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal, Luftaufnahme mit Barockgarten, Foto: Edwin Stranner
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Die ehemaligen Repräsentationsräume des Stiftes dienen heute als Areal des Stiftsmuseums, das in seiner Bedeutung zu den wertvollsten privaten Sammlungen Österreichs zu zählen ist. In den Sälen des Museums, die teilweise mit wertvollen Holzdecken aus dem 17. Jahrhundert ausgestattet sind, werden hervorragende Kunstschätze europäischer Qualität gezeigt. Die Sonderausstellung 2020 ist dem Thema 300 Jahre Fürstabt Martin II. Gerbert (1720-1793) gewidmet. 

Beeindruckende Persönlichkeiten prägten die Geschichte Europas. Martin II. Gerbert war eine davon. Als Fürstabt der bedeutenden deutschen Abtei St. Blasien im Schwarzwald gilt er als Lichtgestalt des 18. Jahrhunderts. Er war nicht nur Theologe, sondern Historiker, Musiker und Diplomat und führte mit viel Geschick ein souveränes Fürstentum. Neben zahlreichen historischen Schriften verfasste er einen Leitfaden zur Regentschaft kleiner Fürstentümer, erließ eine Kleiderordnung für seine Untertanen, gründete eine Sparkasse und ein Krankenhaus sowie eine Sozialkasse zur Versorgung der Armen und eine Brauerei. Mit den Großen seiner Zeit stand er in regem Briefwechsel und genoss allgemeine Anerkennung. Kaiserin Maria Theresia schätzte Gerbert als Berater und die Päpste seine theologische Kompetenz. Zahlreiche Kompositionen zeugen von seiner musikalischen Virtuosität. Er war Visionär! Nach dem Großbrand seines Stiftes und dessen völliger Vernichtung, 1768, ließ er dieses nach modernsten Plänen wiederaufbauen und setzte vor allem mit der gewaltigen Kuppelkirche ein Denkmal der Architektur des Klassizismus. Seine bedeutende Kunstsammlung und seine umfassende Bibliothek genossen Weltruhm. 
Am Ende seines Lebens war Europa aus den Fugen geraten. Die Revolution in Frankreich, die zunehmende Säkularisation und drohende politische Umbrüche machten auch vor dem Schwarzwald nicht Halt. Das diplomatische Geschick Gerberts schaffte dennoch Stabilität. Erst Jahre nach seinem Tod wurde die Abtei aufgelöst und 1809 zog sein zweiter Nachfolger mit den Mönchen, dem beeindruckenden Klosterschatz und den Gebeinen der ersten Habsburger nach Kärnten, um in St. Paul neu zu beginnen. Heute wird dort der gewaltige Nachlass Gerberts, der zum Großartigsten zählt, was Europa hervorgebracht hat, verwaltet. Vieles, bislang noch Unbekanntes, skizziert das Leben eines Mannes  zwischen dem barocken Prunk und dessen Lebensfreude und dem Wanken Europas am Ende dieser glanzvollen Epoche.
bis 26. Oktober 2020

Die Geschichte des Stiftes St. Paul im Lavanttal
Schon früh ist die Besiedelung dieses Teiles der Unterkärntner Landschaft belegt und Historiker vermuten, dass sich auf dem Felskegel, auf dem heute das Stift thront, bereits eine illyrische Burg befunden hat. 
Später wurde an dieser Stelle ein römisches Kastell erbaut, das im frühen Mittelalter durch eine Burg ersetzt wurde. Graf Engelbert von Spanheim sandte 1091 seinen Sohn nach Hirsau, um sich Mönche für eine Klostergründung zu erbitten. Damals gab es im Gebiet des heutigen Österreich etwa 700 Klöster, die Zentren ihrer Regionen wurden. 
St. Paul war im Mittelalter ein bedeutendes Schulkloster geworden, sogar der berühmte Paracelsus ist hier Schüler gewesen. Verheerende Katastrophen und kriegerische Auseinandersetzungen bereiteten dem Kloster im 14. und 15. Jahrhundert schlimme Zeiten. 1367 vernichtete ein Brand die Holzdecken der Basilika, 1439 und 1442 zerstörten die Soldaten des Grafen von Cilli den Markt St. Paul, 1476 standen die Türken vor den Toren der Abtei. Erst im 16. Jahrhundert erlebte das Stift unter Abt Hieronymus Marchstaller eine neue Blüte. Dieser Abt war sehr baufreudig und errichtete das Kloster in seiner heutigen Form. 
Sein zweiter Nachfolger Albert Reichart verfolgte die Pläne des spanischen Escorials. Seine Vorhaben scheiterten allerdings an den zahlreichen Kriegsabgaben, die das Kloster zu entrichten hatte. 1787 löste Kaiser Josef II, das Stift auf, doch bereits 1809 kam neues Leben in die alten Mauern. Fürstabt Dr. Berthold Rottler führte seine Mönche aus dem ebenfalls aufgelösten Kloster St. Blasien im Schwarzwald nach St. Paul. 1940 wurde das Stift neuerlich von den Nazis aufgehoben und 1947 kehrten die Mönche nach St. Paul zurück. Heute leben im Kloster Benediktinermönche die das „ora et labora“ des Hl. Benedikt als Lebensaufgabe haben.

Aufgaben der Mönche in St. Paul
Dem Kloster stellt sich ein vielfältiges Aufgabengebiet. So wie einst sind die Mönche auch heute noch in verschiedenen Arbeitsbereichen des Stiftes tätig. Ob als Seelsorger in den zum Stift gehörigen Pfarren, oder als Lehrer am stiftseigenen Gymnasium.
Die Gemeinschaft bemüht sich, diese Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen. Das Arbeitsfeld der Mönche berührt auch den Bereich Kultur, in der Führung eines Museums, in wissenschaftlichen Arbeiten aber auch in vielfältigen kulturellen Aktivitäten, die weit über die Landesgrenzen hinaus reichen. Ein wichtiger Faktor ist auch die Betreuung von Gästen und Pilgern, die das Kloster besuchen.

www.stift-stpaul.at

Episode 54